Pietà

Beschreibung

Um 1380 entstanden im Umkreis der Prager Parler-Werkstatt die sogenannten Schönen Vesperbilder, zu denen die Jenaer Pietà gehört. Die hohe Qualität und das Material geben Anlass, das Kunstwerk der Hauptwerkstatt zuzuordnen. Die farbige Fassung ist original erhalten. Deutlich sichtbar sind die Bluttropfen auf dem Schleier, der den Kopf der Maria umhüllt. Das fein gezeichnete Antlitz neigt sich trauernd ihrem toten Sohn zu.
Der Name des Künstlers ist nicht bekannt. Bei den aus feinem Kalkstein gefertigten Prager Vesperbildern, die in Böhmen, Mähren, Österreich, Polen und Deutschland Verbreitung fanden, wurden standardisierte Gestaltungselemente variantenreich miteinander kombiniert, um Trauergefühle sinnlich zu vermitteln. Hochrangige Auftraggeber ließen sich die teuren Exportstücke anliefern. Auch für die Jenaer Stadtkirche St. Michael beauftragte ein unbekannter Stifter eine Pietá. Möglicherweise gehörte er zum Adelsgeschlecht von Butenitz (Beutnitz), das enge Bindungen nach Prag besaß und zahlreiche Altarstiftungen in der Pfarrkirche tätigte. Das Vesperbild könnte als Schutzpatronin des Geschlechts auf dem Marienaltar gestanden haben. Im Mantel der Maria ließ der Stifter nach Fertigstellung der Arbeit in Prag nachträglich eine Höhlung schlagen, um dort Reliquien – Steinchen und Knöchelchen – hineinzulegen. Diese waren in den Anfangsjahren des Jenaer Stadtmuseums noch in einem separaten Glasschrank ausgestellt, gingen aber vermutlich in den Wirren des Zweiten Weltkrieges mit einem großen Teil des musealen Bestandes, darunter einige sakrale Exponate, verloren. (Doris Weilandt)
DE-MUS-873714, 7
DE-MUS-873714, 7
Abb.: Sieland, Tino
CC BY-NC 4.0