Das Digitale Landesmuseum Thüringen

100 Objekte. 100 Museen = 100 Geschichten


100 Museen haben mit ungewöhnlichen, berühmten oder wertvollen Stücken aus ihren Sammlungen diese erste virtuelle Ausstellung möglich gemacht. Jedes dieser Objekte hat etwas ganz Besonderes zu erzählen. Alle zusammen zeigen 400 Millionen Jahre Geschichte - aus, mit und über Thüringen und auch über die Landesgrenzen hinaus. Das Digitale Landesmuseum Thüringen ist ein neues Format für alle, die sich für Thüringen und seine Museen interessieren: Hier können Sie sich überraschen lassen! Sie können Unerwartetes entdecken oder guten Bekannten wieder begegnen. Wir möchten Sie inspirieren, auch die realen Objekte in den Thüringer Museen zu besuchen und dort noch viele andere kennenzulernen. Denn im Museum begegnet man Geschichte und Geschichten.


Treten sie ein!


Ihr Museumsverband Thüringen e.V.

Kostbarkeiten und Kuriositäten
Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt
Erfurt
1804 - 1804
Schreibschrank
Das äußere Erscheinungsbild des Schreibschrankes ließ lange Zeit nicht an der inschriftlichen Datierung zweifeln. Bei neueren Untersuchungen stellte sich jedoch eine typisch barocke Bauweise heraus. Das Schreibpult ist nachträglich in die vormalige Anrichte eingesetzt worden. Auch wurden an mehreren Fehlstellen der sichtbaren Farbschicht Befunde vorhergehender Fassungen von etwa 1700 und 1750 festgestellt. Die Inschrift „C C L 1804" verweist wohl auf den damaligen Schullehrer von Friedrichswerth Conrad Christoph Ludwig. Dieser könnte den Umbau und die Übermalung der angekauften oder im Schulhaus vorgefundenen Anrichte veranlasst haben. Dabei lässt die Ausführung der Schreibplatte darauf schließen, dass der beauftragte Handwerker über „höfische Erfahrungen“ verfügte – vielleicht von Aufträgen für das örtliche Lustschloss der Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha.
Kostbarkeiten und Kuriositäten
Angermuseum
Erfurt
1655-1662
Erfurter Münzhumpen
Erst mit dem Auftauchen im Kunsthandel konnte der Meister identifiziert werden: Die Initialen F E stehen für Friedrich Engau, Meister ab 1647 und bis 1662 als Mitglied einer Erfurter Goldschmiedefamilie erwähnt. Der Münzhumpen stellt das erste Werk dar, das Engau zugewiesen werden kann. Insgesamt sind 32 unterschiedliche Münzen eingelötet, die Zwischenräume mit feinen Gravuren verziert. Die zwischen 1538 und 1655 geprägten Geldstücke stammen vornehmlich aus wettinischen, welfischen, Schwarzburger und Sachsen-Weimarer Münzstätten. Profane Goldschmiedearbeiten aus Erfurt sind infolge der Tributzahlungen an Napoleon und der damit verbundenen Einschmelzungen extrem selten; schon im Dreißigjährigen Krieg ging das Erfurter Ratssilber fast in Gänze verloren. So bildet der Münzhumpen ein seltenes Belegstück für das hohe Niveau der Erfurter Gold- und Silberschmiedekunst im 17. Jahrhundert.
Geschichten und Legenden
Stadtmuseum - "Haus zum Stockfisch"
Erfurt
1641 - 1685
Zunftpokal („Gustav-Adolf-Pokal“)
Erfurt hatte eine Riemerzunft, schließlich wurden Gurte, Zaumzeug und Riemen aller Art für Pferde und Fuhrwerke benötigt. Die Zünfte pflegten Rituale zur Aufnahme neuer Meister, statteten sich aus mit Zunftlade, Innungsordnung oder einem besonderen Willkommenspokal, mit dem neue Meister oder Ehrengäste bewirtet werden konnten. Der „Willkomm“ der Erfurter Riemer entstand allerdings erst, nachdem ein besonderer Gast als Mitglied aufgenommen worden war: König Gustav II. Adolf von Schweden. Er hatte 1631 im Haus „Hohe Lilie“ Quartier bezogen, als im benachbarten Gasthaus die Riemer ein Aufnahmezeremoniell abhielten. Als der König nach seinen Pferden sehen wollte, geriet er in die Gesellschaft der Riemer – und wurde prompt in die Zunft aufgenommen. An das Ereignis erinnert die Schaumünze mit dem Bildnis des Königs, die er persönlich als „Einstand“ gezahlt haben soll.
Freiheit und Selbstbestimmung
Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Erfurt
1989
Armbinde der Erfurter Bürgerwache
Ende der 1980er-Jahre setzen sich immer mehr Menschen in der DDR für Freiheit und Demokratie ein. Doch das Ministerium für Staatssicherheit (kurz: Stasi) unterdrückte die Bürgerrechtsbewegung und inhaftiert missliebige Personen in speziellen Haftanstalten. Eine davon steht am Erfurter Domplatz in der Andreasstraße. Am 4. Dezember 1989 wird die Andreasstraße zum Schauplatz der Friedlichen Revolution, als Frauen sich frühmorgens Zutritt zur Erfurter Stasi‐Zentrale verschaffen. Gemeinsam mit anderen Mutigen richten sie die Bürgerwache ein, die Beweise für die Menschenrechtsverletzungen der Geheimpolizei sichert. Mit selbst genähten Armbinden demonstrieren sie Autorität. Es ist die erste Besetzung einer Stasi‐Zentrale samt der dazugehörigen Haftanstalt. Einen Tag nach der revolutionären Aktion entsteht das Erfurter Bürgerkomitee, das die Auflösung der DDR‐Geheimpolizei vorantreibt.
Mensch und Tier
Naturkundemuseum Erfurt
Erfurt
2004
Rekonstruktion eines Dodos (Raphus cucullatus L., 1758)
In keinem Museum der Welt gibt es das Präparat eines Dodos. Von dem einst auf Mauritius lebenden flugunfähigen Taubenvogel sind nur wenige Skelettteile überliefert, dazu einige bildliche Darstellungen. 1507 wurde er entdeckt, 170 Jahre später war er ausgerottet – verspeist von Schiffsbesatzungen. Der Präparator des Naturkundemuseums in Erfurt benötigte ein Jahr und viele morphologisch ähnliche Federn vom Ohrfasan, um das Werk zu vollenden. Der „Erfurter Dodo“ gilt als die wissenschaftlich fundierteste Rekonstruktion, die über einen regen Austausch mit naturkundlichen Museen und Bibliotheken im In- und Ausland abgesichert wurde. Als Exponat steht der Dodo heute in der Artenschutz-Dauerausstellung als Sinnbild für einen unwiederbringlichen Verlust.
Sakrales und Profanes
Museum Alte Synagoge Erfurt
Erfurt
1. Hälfte 14. Jahrhundert
Jüdischer Hochzeitsring
Unter mehr als 700 erhaltenen gotischen Goldschmiedearbeiten sticht der Hochzeitsring aus dem frühen 14. Jahrhundert als einziges jüdisches Objekt hervor. Er trägt die hebräische Inschrift MAZAL TOV (Viel Glück) und hat einen Bezug zum Hochzeitsritus: Während der Zeremonie wurde der Ring vom Bräutigam der Braut angesteckt und ging damit in ihren Besitz über. Aus dem Mittelalter sind neben dem Erfurter Ring nur zwei weitere Hochzeitsringe dieser Art erhalten, alle tragen als Ringkopf ein kleines Miniaturgebäude. Das außergewöhnliche Exponat wurde im ehemaligen jüdischen Quartier im Zentrum der mittelalterlichen Stadt Erfurt als Teil eines Schatzfundes geborgen. Seine Verbergung kann mit dem Pogrom vom 21. März 1349 in Verbindung gebracht werden, bei dem die jüdische Gemeinde in Erfurt ausgelöscht wurde. Als ehemaliger Besitzer kommt der Bankier Kalman von Wiehe in Frage.
Innovation und Technik
Thüringer Museum für Elektrotechnik
Erfurt
ab 1959
Taschenradio „Sternchen“
In Thüringen war die Rundfunkindustrie über 45 Jahre ein strukturbestimmender Industriezweig. Der VEB Stern-Radio Sonneberg war größter Hersteller von Radiogeräten in der DDR. Hier wurde, dem internationalen Trend folgend, nach einjähriger Entwicklungszeit, ab 1959 das Taschenradio „Sternchen“, Typ: 57/69TT, gefertigt. Es war das erste, ausschließlich mit Halbleitern (6 Germaniumtransistoren, 2 Germaniumdioden) bestückte Radio der DDR. Schaltungstechnisch als Überlagerungsempfänger (Superhet) ausgeführt, ermöglichte es nur Mittelwellenempfang und entsprach dem damaligen internationalen Stand der Technik. Die Transistoren lieferte das Halbleiterwerk Frankfurt/Oder. Andere Bauteile, wie Ferritstabantenne, Bandfilter und Kondensatoren, stammten von Thüringer Herstellern. Trotz stolzer 195,- DDR-Mark war das „Sternchen" bis Mitte der 1960er Jahre ein Verkaufsschlager.
Erinnern und Gedenken
Erinnerungsort Topf & Söhne
Erfurt
1. Hälfte 20. Jahrhundert
Ofentür der Fa. J.A. Topf & Söhne, Erfurt
Die Ofentür, die vermutlich aus einer Mälzerei stammt, nutzte eine Reutlinger Pfadfindergruppe seit 2003 an einem Lehmofen. Durch die öffentliche Diskussion über die Rolle von Topf & Söhne als Ofenbauer von Auschwitz erfuhren auch die Jugendlichen davon. Gemeinsam mit ihrem Namenspatron, dem jüdischen Pfadfinderführer Jizchak „Zick“ Schwersenz (1915-2005), erörterten sie nun intensiv, wie sie mit der Ofentür umgehen sollten. Zick stammte aus Berlin, war während des Nationalsozialismus im jüdischen Untergrund aktiv gewesen und konnte 1944 aus Deutschland fliehen. Seit 1953 lebte er in Israel. Man einigte sich darauf, die Tür an ihrem Platz zu belassen, aber mit der Gedenktafel „Eine Tür mit Geschichte …“ zu versehen. 2012, der Lehmofen war inzwischen abgebaut, kam die Ofentür zusammen mit der Gedenktafel als Schenkung an ihren Entstehungsort zurück.
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